Saison April - November

Pisa
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Pisa

Ich schwinge mich erneut aufs Rad - meine treue Begleiterin „La Bici Nera“ - und lasse die Hektik Roms hinter mir, während der Wind mir durch die Kappe bläst und die Speichen leise ein Lied aus dem Gesangsbuch der Genuss-Radler singen. Im Gegensatz zu den bisherigen grossen Städten kann man bei der Ausfahrt aus Rom durchaus auch einmal längere Phasen auf städtischen Velowegen fahren. Die Ausfahrt aus Rom war dann im Vergleich zu Napoli auch wie ein Kindergarten-Ausflug mit Handgeben in Zweier-Reihe.

In Santa Severa empfängt mich ein eindrückliches Castello, doch die Kiosk-Terrasse am Lungo Mare wirkt wie eine vergessene Sommer-Arena: Alles ist geschlossen in der Vorsaison und doch bestellte ich mir auf der Meeresrauschen-Bühne eine Focaccia mit Schinken und Mozzarella – sicher ist sicher, sage ich mir, denn der Hunger ignoriert die geschlossenen Strand-Restaurants. Übernachtet wird im Hotel des Castellos. Beim Blick aus dem Zimmer aufs Meer fühle ich mich wie der Burgherr Duca di Medici. 

schloss

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt, das wusste schon der gute Wilhelm Busch. So war es auch auf diesem Abschnitt, der als lockere Erholungs-Etappe, die mit knackigem Anstieg am Schluss geplant war. Die Abzweigung auf den Feldweg macht mich in Italien langsam aber sicher skeptisch. So kam es denn auch, mitten im Wald eine eingestürzte Brücke auf meiner Route, sodass ich wohl oder übel umkehren und eine Zusatzschlaufe von etwa 5 km in Kauf nehmen musste.

bruecke

Tarquinia lockt mit Kulinarik - Gambero rosso, Polvere di Spinaci e Maionese all Zenzero, Pappardella al Ragù di Pescato, dazu ein Weisser aus Latium – der Genuss schmeckt nach Genuss-Radler-Geschichten, die sich langsam in den Reiseknochen einnisten. Der Abstecher, weg von der Küste in „die Berge“ hat sich auf jeden Fall gelohnt. Bombastische Aussicht über die Oliven-Plantagen mit Meer-Horizont. Dazu historische Altstadt, bekannt für seine etruskischen Ausgrabungsstätten und toller Gastgeber im zentralen B&B.

Aufmerksame Blog-Leser haben bereits erkannt, dass wir nach Bari einen zweiten bekannten auf der Tour antreffen: Orbetello (siehe auch Blog vom Mai 2024). Am Ort meiner ersten Workation in Süditalien besuche ich bereits bekannte Gastro-Hotspots und flaniere durch die am Abend pulsierende Altstadt. Der Weg dahin ist eine etwas längere Etappe, dafür weitestgehend flach. Soweit der Plan.

Wie auf dem Weg nach Tarquinia mache ich wiederum Bekanntschaft mit Flussüberquerungen, respektive deren "Brücken" darüber. Nachdem ich mich durch das Schilf-Dickicht kämpfe und am Sinn dieser vom Navi gewählten Route zu zweifeln anfange, kommt wieder so eine „Brücke“. Maximale Belastung 120k g steht am Brückenkopf weiss auf rot. Kurz überlegt und gerechnet: mein Gewicht, plus Tourenbike, plus Vollpackung - müsste klappen! Also mutigen Schrittes das Wasser überquert und auf schönen Routen entlang der Küstenlagune von Orbetello durchs gleichnamige Sumpfgebiet zum Zielort dieser Etappe geradelt. 

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Marina di Grosseto begrüsst mich mit einer Lektion in Wind: Gegenwind bis zu 50 km/h, der Kopf voll mit Wolken, der Körper voll mit Atem, doch die Strecke endet in einem Schickimicki-Wellness-Hotel, wo Pools, Saunen und Aperitivo die Müdigkeit in eine wohlige Zufriedenheit verwandeln. Ein Znacht folgt der Bequemlichkeit halber im Hotel und ich denke bereits am Essen daran, wie schön es ist, sich nach dem Sturm und dem Wellness-Parkour in mein schickes Zimmer mit Monster-Bett zu legen.  Beim Einschlafen denke ich zurück, welche Dramen und Überraschungen die heutige Etappe wieder auf Lager hatte. 

In Italien gibt es leider das Problem, dass Velostrecken über lange Zeit nicht unterhalten und somit „temporär“ (siehe Bild seit 2024!) geschlossen werden. Diesen Tag ist das gleich zweimal passiert. Man hat dann die Wahl zwischen einem grossem Umweg oder einen Abschnitt auf der Schnellstrasse zu fahren. Die Schnellstrasse ist wenn immer möglich zu vermeiden, sie entsprechen in etwa unseren Autobahnen, zweispurig mit Leitplanken links und rechts, allerdings ohne Pannenstreifen. Alle die dann einen anhuben und denken, was der Spinner mit dem Rad auf der Bahn macht, wissen natürlich nicht, dass es mitunter keine andere Wahl gibt. Es ist auch dieses Mal nochmal gut gegangen, schön war es aber nicht. 

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Weiter nach Follonica, dann Cecina, schliesslich Pisa – jeder Ort ein kleines Kapitel, jede Pause ein Lächeln. In Follonica atme ich zum wiederholen Mal die Weite des Meeres, in Cecina kehre ich in eine schnuckelige Osteria ein und koste Il Coniglio al Vino Bianco (ist das tatsächlich der letzte Hase Italiens?), begleitet von einem Bolgheri, dessen Weingut ich vor knapp einer Stunde passiert habe.

Pisa empfängt mich mit der Legende des Turms, der die Schwerkraft neckt, und ich radle durch die Strassen, als würde Galileo Galilei mir zuflüstern, wie man die Welt neu ausbalanciert. Eine Osteria nahe dem Hotel lockt mit Crema di Melanzane, Tahina, Nachos und Fetta di Frutta di Stagione – ein weiteres Festmahl, gefolgt von Costolette di Agnello con Polpette di Patata in Salsa und einem Chianti Classico Boundonno da Agricoltura Biologica.

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Fazit der siebten Etappe der Grand Tour: „La Bici Nera“ summt weiterhin zufrieden in meinen Ohren,  trotz lädiertem Hinterreifen und ich begreife: Abenteuer bedeuten nicht nur grosse Sprünge, sondern die leisen, poetischen Augenblicke, in denen Wind, Wasser, Brücken und ein gutes Essen eine neue Landkarte in die Pedale malen. Wer sich traut, der entdeckt, dass man immer wieder losfahren kann – selbst wenn der Wind zuerst lacht.

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2 thoughts on “Pisa

  1. Salü Carsten
    Habe Freude gehabt am Lesen dieses Eintrags. Schön nimmst du mich damit auf deine Reise mit. Cool wie du da immer weiter gehst und die Gegend geniesst und meisterst.
    Wünsche weiterhin gutes Gelingen. LG, Jürgen

    PS: a) Ein Abenteuer ist eigentlich eine Reise mit ungewissem Ende. So wie deine Waldtouren bis zu den fehlenden Brücken.
    b) Bei dem Holzsteg für max 120kg, hast du da zuerst nur das Gepäck rübergebracht und dann das Bike? 😉

    1. Merci für den lieben Kommentar Jürgen und nein, ich bin mit mir und Bike über die „Brücke“, Du weisst ja, ein Ingenieur rechnet immer noch etwas Reserve ein 🙂

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