Ich setze mir erneut die Abenteuerbrille auf und spinne die Genuss-Radler-Legende der „Bici Nera“ weiter über Pisa nach Florenz und merke gleich: Ein Radfahrer schreibt die Geschichte besser, wenn er mehr Pannen als einen Plan hat, also rolle ich los durch Pisa–Florenz–Ligurien, mit der Gewissheit, dass jeder Tag seine Überraschung auf Lager hat und täglich eine neue Pointe erfunden werden muss, während meine Nichte in Florenz eine Sprachschule unsicher macht und ich beim Abendessen erstmals wieder familiäre Gesellschaft geniesse.
Florenz empfängt mich wie eine Lawine voller Touristenströme: Dom, Ponte Vecchio, Michelangelos David – alles überlaufen, aber ich behalte die Gastronomie im Blick, als wäre Selbstironie eine Superkraft, denn Uffizien? Die sparen sich im Moment wohl eine zweite Schlange, während ich mich frage, ob eine Selfie-Stange als Alternativweg zur Kunst taugt. Zum Glück habe ich im Rahmen meiner Jugendjahre schon mal die berühmten Tourismus-Magnete besichtigt, sonst wär’s heute wohl eine Lesung aus der Wartehalle der Ewigkeit.
Zum Abend reserviere ich für meine Nichte und mich ein Lokal, das Bistecca Fiorentina auf der Speisekarte hat – ein T-Bone aus dem ehrwürdigen Chianina-Rind, am dicken Knochen serviert, grilliert auf so heissem Holzkohlefeuer, dass selbst der Grill nach unserem Steak eine Pause braucht; erst nach dem Grillieren wird mit Olivenöl, grobem Meersalz und frisch gemahlenem Pfeffer gewürzt, und Erwartung trifft Realität in einem riesigen Fleischstück, dazu ein Nobile di Montepulciano vom Weingut Ruffino, eine Concordia aus Wein und Fleisch, die sich deckungsgleich vor die Augen schiebt.
Dann geht es wieder im Morgenverkehr raus aus Florenz, grösstenteils auf städtischen Velowegen, was der Genuss-Radler sehr zu schätzen weiss, doch der Hinterreifen meldet schon wieder Plattigkeit – die Diva „Bici Nera“ zieht wieder einmal ihre Diva-Schnurrhaare ein, und ich ziehe den kaputten Reifen ab, setze einen neuen Schlauch ein und weiter geht’s. Am Strassenrand taucht eine Fahrradklinik wie aus dem Nichts auf, die Mechaniker dort arbeiten wie Magier des Zweiraduniversums, richten mein Baby in einer halben Stunde wieder her: Neuer Hinterreifen, neuer Fahrradständer, ein Reserve-Schlauch für alle Fälle, und das Portemonnaie quittiert die Grosszügigkeit mit einem üppigen Trinkgeld. Ab jetzt tänzelt die Diva wieder wie ein Teenie durchs Leben.
Unterwegs streife ich Prato, wo mehr Chinesen als Italiener auf der Strasse anzutreffen sind und Stoffe für globale Marken wie Armani, Gucci, Zegna, Prada produziert werden; die Arbeitsbedingungen, sagen renommierte Investigativ-Journalisten, sind nicht immer rosig, aber ich denke mir: Wir radeln hier durch ein reales Naturbühnenbild, nicht durch ein ideelles Modehaus.
Es geht weiter durch landwirtschaftliche Strassen, gesäumt von Vivaios, Baumschulen, die Pflanzen für Gartenbau, Strassenbegrünung, Landwirtschaft und Forstwesen kultivieren, eine kleine grüne Welt hinter jedem Kilometer. Kulinarisch gibt es erneut ein Highlight: eine Osteria mit Austern als Einstieg, Spaghetti con Alici, Uvetta e Pinoli, Käseplatte als Abschluss und dazu Chardonnay Albizzia aus der Toscana – eine Geschmackssinfonie, welche die Strapazen mit Panne und Fahrradklinik vergessen macht.
Montecatini Terme – La Spezia führt mich durch das Weinbaugebiet von Lucca, wo ich drei Kilometer auf einem Wanderweg herum krieche, dann ein temporär geschlossener Veloweg mich zwingt, zurückzuweichen, während das Meeresrauschen sich wieder seinen Platz in meinen Ohren freikämpft; in Viareggio erwarte mich ein anderer Tonfall, edler, luxuriöser, mit wenig öffentlicher Strandzugänglichkeit – fast wie Zermatt oder Gstaad am Meer, eine Küstenkulisse, die sich selbstbewusst vom Rest abhebt. Die Riviera della Versilia bleibt für mich eine ferne, mondäne Erwähnung, die ich heute nicht brauche.
La Spezia selbst gehört nicht in die Promi-Liga, denn im Centro Storico entdecke ich eine erschwingliche Gastro-Perle: Vorspeise Uova Lotto a bassa Temperatura con Salsa di Pomodoro arrosto e Fonduta di Parmigiano, als Primo Penne Rigate al Pesto PRA’, begleitet von einem Chianti Classico Buondonno – eine Weinbegleitung so zuverlässig wie meine gut geölte Rohloff-Naben-Schaltung.
Die Reise geht weiter Richtung Sestri Levante, der „Stadt der zwei Meere“, auf dem Weg entlang der Ligurischen Küste, die Cinque Terre noch vor sich, doch die Strassen sind nicht wirklich Velofreundlich; ich erklimme zum Start den Züri-Berg von La Spezia, bewundere Villen mit Meerblick und fahre weiter durch malerische Berg- und Flusslandschaften der Riviera Ligure di Levante, überquere einen Pass, um schliesslich in Sestri Levante anzukommen, wo Ostern die Region in eine lebendige Sitcom verwandelt. Es ist, als hätte man einen Knopf gedrückt: wo vor ein paar Tagen noch die "Pantalone Morte" vorherrschte, kriegt man an Ostern keinen Fuss vor den anderen, von Radfahren auf den Velowegen am Lungo Mare ganz zu schweigen.
Mittagessen gestaltet sich dementsprechend schwierig. Drei Versuche einen Tisch zu ergattern, drei mal „Mi dispiace, siamo completo“. Ich bin doch nicht blind, sehe doch freie Tische? Liegt es daran, dass ein Zweier-Tisch rentabler ist als wenn nur einer dran sitz? Liegt es an meinem Gümmeler-Outfit, welches nicht gerade ideal zum Ostersonntags-Menü passt? Also nochmals mit voller Kraft und Überzeugung ein grösseres Restaurant mit riesiger Terrasse, weissen Tischtüchern und allem Drum und Dran angesteuert. Der Chef verneint zunächst, doch nach meinem hartnäckigen Nachhaken, zieht er am Ende die Zügel der Gelassenheit, als ich schwöre, das Ostermenü zu bestellen und noch eine Rotweinflasche als Krönung oben drauf zu legen. Geld bestimmt halt doch die Welt.
Nach Portofino setzte ich mit dem Boot über, welches am Ostermontag überraschend auch noch Platz für mein Fahrrad hat. Im Promi-Place mit seinen bunten Häusern, Glamour und Luxus-Yachten angelegt, schaue ich, dass ich möglichst rasch aus dem ehemaligen Fischerdorf raus komme. Es hat etwas von Züri-Fäscht oder Streetparade was die Dichte der Fussgänger angeht. Die Autokolonne, die mir auf der engen Küstenstrasse nach Rapallo entgegenkommt, macht der, die sich vor dem Gotthard-Portal um diese Jahreszeit anstaut, locker Konkurrenz. Rapallo wird mein Recreation Center für die nächsten Tage, denn eigentlich ist die Grand Tour schon fast zu Ende. Ende April gibt es noch eine Ehrenrunde von Genova aus Richtung Südfrankreich, wo ich mich freue, meinen Sohn als Begleiter dabei zu haben.
Fazit der achten Etappe der Grand Tour: Es bestätigt sich die Erkenntnis, dass Reifenwechsel, Wein, und eine unerschütterliche Gümmeler-Romantik das Rezept für ein Abenteuer sind, das mehr Humor als Glanz bereithält, und dass „Bici Nera“, die Diva mit dem Echzeit-Groove, am besten dann Ruhe gibt, wenn ich ihr einen Dank in Form von einem neuen Hinterreifen spendiere und ihr versichere, dass jede Kurve, jeder Schluck Wein und jeder gefahrene Kilometer am Ende eine Geschichte ist, die nur das Genuss-Radeln schreiben kann.
