Es sah so friedlich aus, dass ich fast zu glauben begann, Arbeitgeber und Arbeitnehmer haben eine Win-Win-Situation ausgehandelt, etwas das ich als Arbeitgeber stets angestrebt habe. Natürlich wusste ich es besser: Ohne Migranten, die die Früchte der Saison in Bewegung halten, wäre diese Landwirtschaft kaum zu stemmen. Ich sparte mir das Bild des Landarbeiters, der mir höflich zuwinkte, und konzentrierte mich stattdessen auf die Strassenbeschaffenheit.
Regionale Strassen mögen zwar die erste Wahl sein, weil der Verkehr minimal ist, doch sie haben eine Schwäche: Der Belag. Manchmal sah es aus, als wäre eine Wüstenpiste in Westafrika auf Urlaub hierher abkompostiert worden. Und die Köter auf den Bauernhöfen? Die wollten Wachhunde spielen, als gäbe es eine Liga der testosterongeschwängerten Bluthunde. Viermal preschte so ein Vierbeiner aus der Hecke, als hätte er das Drehbuch gelesen und wüsste, dass der Mensch auf zwei Rädern für ihn eine ernstzunehmende Konkurrenz ist. Drei Gänge hochschalten, Sprint, Köter aus dem Blick verloren – so rettete ich mich mit Entschlossenheit ins nächste Landschaftsbild.
Kulinarisch gab es wenig Ausschweifungen, aber genug Würze und Gewürze, um die Moral hochzuhalten. Eine grundanständige Portion Spaghetti alla Carbonara als Primo, gefolgt von Insalata con Salsiccia. Die Matrone der Osteria sprach die komplette Menü-Karte von vorne bis hinten so mühelos auswendig herunter, als hätte sie die ganze Stadt in einer einzigen Handbewegung organisiert. Zwischendurch Wasser, zwei Calici di Rosso, Kaffee – und das Ganze für 15 EUR. Ein Tagesgeldkonto für Geschmacksknospen, das sich lohnt.
Weiter ging es Richtung Bari, die Etappe von Foggia nach Bari war mir zu lang, um sie am Stück zu bewerkstelligen. Bari ist ausserdem zu attraktiv, um vorher noch eine Nacht in einem Kaff zu verbringen. Ich hatte also bereits die Zug-Alternative für einen Teil der Strecke im Kopf als ich losfuhr. Die Windräder am Strassenrand, wovon es in der Region einige gibt, kreuzten meine Wege wie stille Landschaftswächter. Der Wind kam schräg von hinten, der Flachland-Teil zog mich fast vom Sattel, und ich fühlte mich wie ein Segelboot mit Pedalen – erstaunlich effizient, wenn der Himmel selbst mitspielt.
In Barletta, mitten am Tag, programmierte ich das Navi auf Bahnhof um. Der Regio der RFI wartete wie ein Freund, der Fahrräder besonders willkommen heisst. Die letzten Kilometer nach Bari Centrale fühlten sich beinahe wie ein Willkommens-Ritual an: Bari – eine alte Liebe, die man zu selten besucht, doch sobald man sie trifft, funkt es wieder gewaltig. Die Stadt atmet eine Geschichte, die sich an jeder Ecke der Altstadt widerspiegelt.
Bari Vecchia, die Strada delle Orecchiette, machte mir wieder klar, warum Pasta hier nicht einfach nur Nahrung ist, sondern Kultur in Form von Frische an jeder Strassenecke. Frische Pasta zu kaufen, ist hier eine tägliche Option – gekocht oder roh, egal, Hauptsache köstlich. Meine Orechiette-Variante des Genusses hiess Pomodoro e Stracciatella, eine Geschmackskollision, die das Mittagessen zu einem Kurzurlaub im Urlaub machte. Zum Znacht: Impeptata di Cozze al Sugo di Vino Bianco, Pomodoro, Prezzemolo e Aglio – die kleine Welt der Aromen, die Bari mir schenkte, waren ein Versprechen, das meinte: komm doch bitte bald wieder.
Noch mehr Bari Soulfood? Kein Problem, z.B. Spaghetti all’Assassina, diese scharf angebrannte, risotto-artig gegarte Pasta, die karamellisierte Ecken besitzt – manche nennen sie Spaghetti brusati, "angekokelte Spaghetti" – eine Bezeichnung, die die Schärfe mit einem Augenzwinkern wiedergibt. Wer braucht schon Michelin-Etepetete-Feinkost, wenn man Knusprigkeit mit Chili haben kann?
Monopoli trat wie ein neues Kapitel auf, als ich im November 2024 Bari verliess und die Erinnerungen an eine Reifenpanne mit dem Miet-Velo mitbrachte – eine Panne, die mein damaliges Ensemble aus Mut und Geduld auf eine harte Probe stellte (siehe Blog „Der Weg nach Monopoli“). Dieses Mal sollte es besser laufen, und so ging es fast ausschliesslich auf der Ciclovia Adriatica weiter, einem ruhigen Veloweg, der die Hauptstrasse meidet, aber die Seele mit Blicken aufs Meer füttert.
Polignano a Mare tauchte auf wie ein Postkartenmotiv, nur dass es real war: Ein Felsen, der aus dem Meer ragt, eine kleine Stadt, die Instagram liebt – und Touristen, welche die Szenerie in Scharen bewundern. Monopoli war genauso idyllisch, mit einer schnuckeligen Altstadt und einem sehr malerischen Hafen.
Die nächste Station, Taranto, war eine Königs-Etappe: fast tausend Höhenmeter auf 80 Kilometer – die Küste rauf nach Martina Franca, dann eine Talfahrt, die sich wie eine Abfahrt vom Col du Tourmalet auf der Tour de France anfühlte. Beim Vorbeifahren eines Lastwagens meine Kappe verloren - schon die zweite. Was soll’s, geil war's trotzdem.
Taranto selbst wirkte wie eine Mischung aus Vergangenheit und Industrie: ein grosser Hafen, Stahl, Raffinerie und ein Marinestützpunkt, alles sichtbar, alles präsent. Die Küche hier setzt den Fokus natürlich auch aufs Meer und ist bekannt als "Cucina Povera“. Unbedingt probieren: Cozze Arraganate, Muscheln überbacken mit Ei, Petersilie, Käse und Semmelbröseln. Dazu un Calice Verdeca, ein Weisswein, der die Harmonie perfekt macht.
Von Taranto ging es weiter entlang der Ionischen Küste, über Policoro nach Trebisacce. Die Küstenstrecke war ruhig, die kleinen Städtchen zu dieser Zeit wenig touristisch; Kalabrien zeigte sich wilder und hügeliger und die Küche ist generell etwas schärfer angelegt – ein passender Ort also, um Spaghetti Aglio, Olio e Peperoncino zu geniessen, begleitet von einem Cirò Rosso. Obwohl ich eigentlich kein Dessert-Liebhaber bin, habe ich die Dolce schon fast in mein tägliches Mittagsritual eingeschlossen. Am liebsten zu geniessen auf der Sonnenterrasse einer lokalen Pasticceria, begleitet von der obligaten Dreiercombo: Kaffee-Grappa-Zigarre.
Fazit der dritten Etappe der Grand Tour: Wo es hoch geht, geht es auch runter – eine einfache Wahrheit, die jeder Genuss-Radler versteht. Bari hat das Potential unter den Top-5 der schönsten Orte der Tour zu landen: eine Stadt, in der man die Wintermonate verbringen möchte. Temperaturen zwischen 12 und 17 Grad von Januar bis April – perfekt für eine Workation im Frühling und Herbst oder zum längeren Verweilen als Frührentner. Und so endet diese Etappe der Grand Tour, doch der Blick schweift längst weiter: Sizilien rückt in den Fokus, falls alles nach Plan läuft. Der nächste Beitrag sollte davon handeln – und bis dahin bleibt das Radeln ein Versprechen an die Freiheit.
