Ich schnallte mir also wieder das Gewicht der Welt auf mein Bike – oder besser gesagt: das Gewicht von zehn Wochen Fahrradreise, Sattel-Taschen-Vollpackung inklusive meines eigenen Abtropfgewichts von gut 100 Kilogramm – und fuhr weiter von der Küste Trebisacce hinein ins Herz von Kalabrien, nach Cosenza, der Hauptstadt der Provinz, wo die Strassen aussahen wie eine unaufgeräumte Landkarte aus Pflastersteinen. Der Weg führte ausschliesslich über Landstrassen, kein Zentimeter als Veloweg, und Radfahrer hier im Süden sind eine Rarität; begegnet man sich zufällig, wird die Begegnung mit wildem Gestikulieren, Winken und lautem Grüssen gekrönt, fast so, als wolle man sich gegenseitig daran erinnern, dass man überhaupt noch lebt.
Dann kam das Schild: In 1,5 Kilometer Baustelle, Regionalstrasse gesperrt. Mein Plan B? Paperlapapp denke ich mir, ein Fussgänger und Radfahrer kommt immer durch. Nachdem ich am besagten End-Punkt mein Bike über die Absperrung gehievt hatte, landete ich in der Hölle. Der Verkehr zog über MEINE Landstrasse, inklusive einer Karawane 40-Tönner-LKWs. Mit Gegenverkehr notabene und einem seitlichen Abstand zwischen mir und den Fahrzeugen so gross wie ein Löschblatt – eine Mischung aus Respekt, Resignation und der Erkenntnis, dass Sicherheit oft nur eine Illusion ist. Es gab sie, die Rücksichtsvollen, welche über die Mittellinie grösszügig ausholten, doch sie waren die Ausnahme; nach etwa vier Kilometern hatte der Teufel ein wenig Mitleid und ich schaffte es auf eine regionale Seitenstrasse, als wäre eine Pforte ins Paradies plötzlich geöffnet worden.
In Cosenza selbst – eine mittelgrosse italienische Stadt, hübsch, aber ehrlich gesagt: mehr Asphalt und Beton als sonst was – liess ich die Galleria Nazionale di Cosenza links liegen. Viel verführerischer roch die Altstadt nach guten Restaurants, nach Nduja Calabrese, dieser streichfähigen, scharfen Schweinswurst, die sich wie ein feuriger Partner an jede Pasta oder Pizza ran machen möchte. Dazu ein Cirò, rot wie ein schlafender Vulkan, der kurz vor dem Ausbruch steht, und schon war der Abend gerettet. Na ja, wenigstens fast, denn der Ausgang zu dieser Jahreszeit war eher trist, sodass ich den Aprétivo mit mir selbst abgefeiert habe.
Die nächste Etappe, Cosenza nach Amantea, versprach einen Bergpreis, der in meinem Tagebuch eher als Gedicht der Qualen eingehen wird: Das erwähnte Stahlrahmen-Bike, eine Vollpackung für drei Monate plus das eigene Gewicht – und immer wieder die innere Stimme, die flüstert: „Du bist kein Karnickel eher ein Wildschwein.“ Die Abfahrt war dafür geschaffen wie für mich als Kugelblitz, mit Spitzkehren, Tunneln, allem Drum und Dran, und im Restaurant Micky Beach erhielt ich volle Aufmerksamkeit – der Patron empfahl auf der reduzierten Karte ein „Mix di Caldi e Freddi di Mare – Fantasie dello Chef“ und als Kompensation für die Berg-Etappe einen halben Weisswein vom Haus.
Auf dem Weg von Amantea nach Pizzo bot sich ein Potpourri der bisherigen Tour: ein Strandabschnitt am Anfang, Landstrasse, wo wieder einmal eine Nachwuchsrennfahrer-Qualifikation für die Formel 1 statt zu finden schien, lauschige, verlassene Nebenwege, auf denen man auch schon mal eine offiziell geschlossene Brücke passieren musste, und als Dessert das Kopfsteinpflaster der Altstadt von Pizzo. Unterwegs begegneten mir leicht bekleidete, stark geschminkte Damen am Strassenrand, die mich lasziv anlächelten – keine Ahnung, wie sie da hineingekommen waren oder was sie machten, aber es passte zu diesem surrealen Zwischenentwurf der Reise.
In Pizzo hielten Tourbusse Einzug in die Altstadt, und so kämpfte ich mich durch eine englische Lemmings-Gruppe, alle hatten Kopfhörer auf, ein Schulter-Antippen als höfliche Kontaktaufnahme war notwendig, um passieren zu können. Kulinarisch blieb alles im gewohnten Trott: frische Meeresküche auf der Karte, und die Aussicht, dass ich vielleicht demnächst mal ein Steakhouse googeln könnte, um die Abwechslung zu finden.
Der nächste Halt war die Fähre nach Messina, ein Sonntag, an dem eigentlich der Tour-Ruhestand gilt. Als meine Füsse und mein Bike den Boden Siziliens betraten kam ich mir vor wie eine Mischung aus Kolumbus, Vasco da Gama und Marco Polo. Ich hatte es tatsächlich geschafft von Mailand bis hier hin zu kommen. In diesem Bewusstsein kurz ein kleine Träne der Glückseligkeit weggedrückt.
Geographie-Streber wissen natürlich, dass Messina nicht weit weg vom Ätna ist, dem höchsten Vulkan Europas. Die Altstadt von Messina ist recht gross, mit den üblichen Italo-Dekos wie Kirchen, eine Kathedrale, schöne Brunnen und die obligate Piazza. Als typischen sizilianisches Primo gönnte ich mir ein paar Arancini, frittierte Reiskügeli mit einer leckeren Füllung aus Ragù, Erbsen und Käse. Sie werden lauwarm genossen. Dazu passt gut das lokale Messina Bier oder in meinem Fall ein sizilianischer Rotwein: Tenute Orestiadi aus der Terra Rossa vom Weingut Adeni.
Messina nach Milazzo – Sizilien ist bergig, auch auf dem Weg zur Küste. Auf dem Colle San Rizzo stieg mein Plan in Luft auf, denn die Hälfte des Anstiegs war geschafft, doch ein älterer Passant meinte, man könne mit dem Bike auf diesem Weg nicht drüber kommen. Ich checkt das Navi erneut, alles OK. Plötzlich führte die Route durch einen Gebirgswanderweg, rot-weiss markiert und ich musste den Göppel fünfeinhalb Kilometer wie ein Partisan schleppen, der eine Maschinengewehr-Lafette aus Mensch und Stahl, den Berg hoch karrt.
Die Abfahrt belohnte mit Ausblicken aufs gebirgige sizilianische Hinterland und das Meer in Sichtweite. Im Milazzo war das Hotel im Zentrum ein wahrer Zufluchtsort, eine freundliche Oase mit Tiefgarage zum Unterstellen des Velos – endlich mal eine Unterkunft, die sich nicht anfühlte wie das Trostpflaster einer durch getakteten Reise.
Fazit der vierten Etappe der Grand Tour: Nduja Calabrese, so scharf, dass sie fast mit jeder Pasta oder Pizza Freundschaft schliesst. Sizilianische Arancini lauwarm, aber voller Herz. Am Ende zählt nicht der perfekte Plan, sondern die Erzählung, die man daraus macht – und die Bräunung der Haut von der Sonne und die tägliche Frage, ob man wirklich nur einen Tag oder gleich ein ganzes Wettrennen gegen Zeit, Berge und den eigenen Hunger nach guten Pasta-Gerichten gewonnen hat. Die Strasse windet sich weiter, und der Norden Siziliens wird zum nächsten Kapitel der Geschichte. Von Milazzo aus rolle ich westwärts, die Meeresluft im Gesicht, der Atem im Takt der Pedale. Cefalù lockt mit Meeresrauschen und einem Fünfstern-Hotel. Schliesslich Palermo, von wo aus noch eine Fähre nach Napoli gesucht wird.
