Saison April - November

Napoli
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Napoli

Ich schwinge mich again aufs Rad, der Wind trägt eine Salzkruste auf meiner Stirn auf und die Küste scheint mir zuzuzwinkern: “Komm schon, alter Pedalheld, zeig mir nochmals, was du drauf hast.” Die Route führt mich zuerst von Milazzo über Capo d’Orlando bis Cefalù, dann Palermo und schliesslich Napoli. Und ja, da ist auch ein bisschen Geschichte mit an Bord – Mafia, Pizza, Tempelritter der Strassen, und eine Prise italienische Lebenslust.

Der Aufstieg zum Monte di Tindari ist kein sanfter Spaziergang. Rechts die beeindruckende Kirche der Schwarzen Madonna - Santuario Maria Santissima -, links das Tyrrhenische Meer. Die Strasse ist in den Fels gehauen und schwebt wie eine Brücke über dem Wasser, als würde sie sagen: “Höhenangst? Wir haben hier kein Mitgefühl.” Ich klettere, keuche, schwöre mir, dass die Leitplanken heute vielleicht doch noch auftauchen, doch da: Nur Fels, Wind und der unvermeidliche Blick zurück, der mich an meine Grenzen erinnert – oder an die letzte Enoteca.

Kueste_Orlando

Auf dem Weg nach Capo d’Orlando taucht alle paar Kilometer ein Wachturm an der Küste auf - Zeitzeugen aus einer Zeit im 16. und 17. Jahrhundert, wo die Beobachtung der See und die schnelle Weitergabe von Warnungen von herannahenden Schiffen von entscheidender Bedeutung für das Überleben der Gemeinde war. Bei der Ankunft in Capo d’Orlando geht der Plan kulinarisch auf und es gibt für einmal nichts aus dem Meer: eine Tagliata di Angus mit Verdure alla Griglia und ein Nero d’Avola vom Weingut Stoccatello geht über den Tisch – lecker, kraftspendend und schmackhaft.

wachturm

Die Küste fährt mit mir Rollercoaster: Kurven, Granit, Meer – und gelegentliche Strassensperren, die ich mit einem verschwindend kleinen Manöver durchbreche und zwei Mal die Bau-Abschrankung verschiebe. Da lernt man Geduld: Geduld mit Strassensperren, Geduld mit dem Spiegelbild im Schaufenster einer Cafeteria und Geduld mit dem eigenen Ego, das behauptet, man könne eigentlich noch schneller strampeln.

strassensperre

Cefalù empfängt mich mit einer Pasta-Pause in einer typischen Kneipe namens Pasta & Pasti. Casarecce Boscaiola – eine ordentliche Ladung Nudeln für die Seele, begleitet von einem ehrlichen roten Hauswein. Am Lungomare entdecke ich einen öffentlichen Velo-Ergometer – ein Versuch, den Einheimischen das Gefühl von Radfahren zu vermitteln, während ich auf dem Weg ins Hotel eigentlich nur noch versuche, die letzte Portion Energie aus meinen Beinen zu pressen.

ergometer

Cefalù zeigt mir, es geht touristischer zu und her: Hier gibt es Strände, Altstadt-Chic, gute Restaurants – und die Nähe zum Flug- und Fährhafen von Palermo. Pesce Spada? Klar, der Schwertfisch passt wie der passende Sidekick zu einem Gourmet-Radler. Dazu passt perfekt der körperreiche frische Weisswein Grillo, dessen Rebsorte ausschliesslich in Sizilien angebaut wird.

pasteria

Palermo, die fünftgrösste Stadt Italiens, hat eine Altstadt, in der man sich leichter verläuft als in einem Labyrinth aus Gassen. Die Märkte sind ein Muss, das Marktleben pulsierend, und ich bewege mich durch Arancini, Meeresfrüchte, Polpette, Cannoli, Caffè, Grappa Barricata und Sigaro. Die Stadt hat auch eine dunkle Geschichte: Cosa Nostra, Maxi-Prozess, Mafiosi – all das liegt wie ein scharfes Gewürz auf der Zunge, aber ich bleibe cool, höre den Geschichten zu, lache über die Klischees und fahre weiter.

mercato

Der Übergang von Palermo nach Napoli ist eine Fahrt mit einer Arche der See – einer Fähre namens Sirio, die mich aufnimmt wie Noah es mit seinen Raben und Tauben gemacht hat. Der Check-in um 16:30 ist hektisch, der Türsteher will mir die Freude etwas vermiesen, aber ich schenke ihm eine letzte Zigarre aus meiner Satteltasche – eine Romeo y Julieta als Willkommensgeschenk und schon bin ich als erster Passagier an Bord.

Die Nacht schläft sich langsam in meine Knochen, während der Seegang mir eine sanfte Melodie auf das Trommelfell schickt. Schlafen ist schwer, aber das Bordleben macht Spass – und die Aussicht auf Napoli ist die Belohnung, die schon hinter der nächsten Welle winkt.

Sirio

In Napoli angekommen, wird mir klar, warum hier die Radsport-Philosophie geboren wurde: Kopfsteinpflaster, steile Anstiege, und der Verkehr – ein wilder Kindergeburtstag. Die Stadt ist laut, lebendig und voller Gesichter, die mich fast anschreien: “Willkommen, Pedalritter.” Der Fussballgott Maradona hängt in jeder Ecke, und sogar das Fussball-Stadion hat sich nach ihm umbenannt. Souvenir-Läden quellen über von Devotionalien, als wollten sie mich zu einem stillen Akt der Verehrung bewegen – oder einfach nur an die Lieblings-Nummer 10 der Stadt erinnern.

maradona

Was man hier isst, liegt so nah wie die Pedale am Trittbrett: Pizza, natürlich. Die moderne Pizza hat ihren Ursprung in Neapel, und hier fühlt man das schon im Brotkrusten-Denken der Stadt. 1889 wurde die Pizza Margherita benannt – Rot (Tomate), Weiss (Mozzarella) und Grün (Basilikum) – und 2017 erklärte UNESCO das neapolitanische Pizzabacken zum immateriellen Kulturerbe. Ich proste mir mit einem lokalen Bier (Birrificio Artigianale Napoletano) zu und plane langsam aber sicher den Rückweg aus dem Stiefel.

Fazit der fünften Etappe meiner Grand Tour: Eine malerische Gourmet-Radler-Etappe entlang der Nordküste Siziliens, Palermo als kultureller Paukenschlag und Napoli als lebendige Finale-Show. Und während ich weiter in Richtung Norden rolle, weiss ich zwei Dinge mit Sicherheit: Die nächste Stadt wird mir wiederum neue Geschichten erzählen, und irgendwo dort wartet Rom – der nächste grosse Meilenstein auf meiner Grand Tour. Danke, Sizilien, für die Sonne, die Kurven und die Cannoli. Die Welt wartet auf Gourmet-Radler wie mich, und ich hoffe, sie hält weiterhin gutes Essen und Trinken und gute Strassen parat.

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