Saison April - November

Roma
Home » Blogs  »  Roma
Roma

Es fiel mir schwer diese eindrückliche rohe Perle Napoli in Italiens Süden zu verlassen. Das lag auch an einem wiederum tollen Hotel im Zentrum der Altstadt: Hotel Decumani im Antico Palazzo Riario Sforza. Hier beginnt in dieser Etappe auch mein kleines, nächstes verrücktes Kapitel. Der Plan ist simpel – immer der Küste des Tyrrhenischen Meers entlang, Richtung Heimat, Richtung Rom. Und doch ist jeder Kilometer eine neue Prüfung, ein neues Lächeln und potentiell eine neue Reifenpanne.

hotel

Der erste Aufstieg zur Kathedrale der Heiligen Maria Assunta fühlt sich an wie ein Boss-Level in einem Videospiel: 600 Höhenmeter früh morgens in der Rushhour, den Kopf voller Duft von Meer, Zement und Abgasen, die City von Napoli im Rücken. Beschleunigen, bremsen, Lücke suchen, Stinkfinger zeigen – ja, das tue ich wirklich, auch wenn mir hinterher dieser neapolitanische Verkehrsrowdy wild hupend und brüsk den Weg abschneidet. Auf dem Rad kämpfe ich mich vor, als würde ich das Spiel gewinnen wollen, bei dem die Pop-Ups aus angezeigten Weggabelungen auf meinem Navi bestehen.

Nach einer Stunde Strassenlärm geht’s wieder der Küste entlang. Die Italiener sehen den Strassenrand als endlosen Mülleimer – sehr bildlich, sehr wahr. Als Radfahrer weicht man ständig den Scherben und anderen potentiellen Reifentötern aus. Dann hat es mich doch erwischt und der erste Platten am Hinterrad war Tatsache.

panne_1

Kein Drama, Werkzeug raus, Schlauch raus, Schlauch rein, Werkzeug rein, weiter. Etwa 500m, dann war hinten wieder platt (es passiert übrigens nie am Vorderrad). OK, beim ersten Mal wohl zu wenig nach dem Übeltäter gesucht und beim zweiten Mal dann gefunden. Eine unehrenhafte, feige, kleine, grüne spitze Scherbe im Radmantel wars. Also Ersatzschlauch Nummer zwei - meinen letzten - montiert und der Reifen schnurrt wieder.

Mondragone dient als Ruhepause mit Zimmer und Blick aufs Meer. Warum auch nicht? Weiter geht’s Richtung Gaeta, doch der Gedanke, dass die Reserve an Ersatzschläuchen aufgebraucht ist, macht das Radeln etwas unentspannter als auch schon. Ersatz muss her, aber da gibt es ein Problem: eine Fahrradwerkstatt in Süditalien zu finden ist etwa so schwer, wie eine Whisky-Bar in Teheran. Aber nach 30 Kilometern habe ich dann doch eine gefunden, zwei Ersatzschläuche gekauft, und alles ist wieder im grünen Bereich.

Mein Hinterrad sieht nach den Pannen nicht mehr ganz so frisch aus, aber hey, die Show muss weitergehen. In Gaeta angekommen, logiere ich wieder in einem Hotel mit Zimmer „Visto Mare“. Zum Pranzo bestelle ich Dorade (Orata, wie die Einheimischen sagen) rund um die eine Kilo-Marke, dazu eine Falanghina aus Kampanien und frisches Brot. Mehr braucht’s nicht, um die Glückseligkeit des Moments zu treffen. Tuto bene.

dorade

Am nächsten morgen frage ich mich, was die gelben Warn-Dreiecke im Navi bedeuten, und der Trip liefert mir bald die Antwort: fünf süditalienische, dunkle, enge Strassentunnel. Mit eingeschaltetem Licht kämpfe ich gegen Lastwagen an, die mich beim kreuzen Lichthupend warnen, dass ich hier nicht hingehöre – ein kleines Nervenkitzel-Schauspiel, dass ich am Ende schweissgebadet aber lebendig überstehe.

Im B&B bei San Felice Circeo empfängt mich der Gastgeber mit einer PTT-Arbeitsschürze – Post-, Telefon- und Telegrafenbetriebe – , der alte Schweizer Postgeist scheint hier noch zu leben. Es stellt sich heraus, dass Signore in den 70er-Jahren in der Briefsortierung in Zürich angestellt war. Für damals 3’000 Franken im Monat, einen Lohn, welche die Kollegen von der Poste Italiene wohl auch heute noch gern nehmen würden.

Der Weg nach Anzio führt durch den Parco Nazionale del Circeo, Nationalpark-Feeling inklusive. Lungomare, Dünen, Küstenseen – alles auf einer langen, flachen Strasse, die sich wie ein Band durch die Landschaft zieht. Das Städtchen Anzio, dass zu Römerzeiten Antium hiess, rühmt sich, dass Nero damals ein Villa für seinen Strandurlaub hier sein eigen nannte. Na ja, nicht gerade der sympathischste Cäsar aber was soll’s, Zeit vergisst, es gibt ja auch einen Cognac Napoleon. Er selbst wurde sogar wie sein kranker Onkel Caligula hier in Antium geboren. 

nationalpark

Die Nebensaison hat auch ihre eigenen launischen Vorteile; man sitzt spontan in eine Strandbar, sieht dem Sonnenuntergang zu und lässt mit Aperitivo-Häppchen den Abend einläuten.

WhatsApp Image 2026-03-20 at 17.12.19

Rom ruft. Von Anzio bis Rom sind es 60 Kilometer – auf Google Maps lockt der Knopf mit dem Bähnli für den ÖV, der mir eine direkte Verbindung in die ewige Stadt anzeigt. Also steige ich früh morgens in den Regionalzug nach Roma Termini um dem Agglomerations-Verkehr der Rushhour für einmal aus dem Weg zu gehen.

Das Müllproblem bekomme ich nicht aus dem Kopf: Die Circeo-Bucht im Nationalpark ist sauber, doch ausserhalb lauern sie wieder, die Müllberge. Gerade aus Schweizer Sicht mit der Erfahrung aus unzähligen Kilometern entlang der nationalen Velorouten ist das eine grosse Enttäuschung. Man fragt sich, was mit diesen Müllterroristen in der Kindheit schief gelaufen ist. So eine schöne Landschaft einfach so zu verschandeln, unverständlich.

muell

In Rom lassen wir die Touri-Hotspots bewusst links liegen – Colosseum, Pantheon, Peters-Dom und Fontana di Trevi bleiben aussen vor. Trotzdem lasse ich mich am Colosseum für die Webseite fotografieren, als die Arena plötzlich vor mir auftaucht. Als Tour-Guide muss man reputationsmässig ja auch schauen wo man bleibt. Ich bewege mich weiter ins trendige Trastevere-Viertel, wo ich Tonnarelli Cacio e Pepe bestelle, dazu einen Cuvée von Cabernet Sauvignon und Merlot aus der Region Lazio. Spaghetti Carbonara wäre der zweite Römer Klassiker gewesen, der jedoch auch bei uns bei einem guten Italiener authentisch genossen werden kann.

WhatsApp Image 2026-03-21 at 12.51.17

Früh aufstehen lohnt sich im permanent von Touristen überlaufenen Centro Storico. So spaziere ich am Sonntagmorgen vom Hotel bis zur Porta Portese – dem grösste Flohmarkt Roms. Da meine Satteltaschen eh schon proppenvoll sind, beschränkte sich das Markterlebnis auf anschauen und schweren Herzens nichts kaufen.

Fazit der sechsten Etappe der Grand Tour: Die Reise mit zwei Rädern ist mehr als Meilen sammeln: Es sind Pannen, Improvisationen, Begegnungen und jede Menge Genuss, die die Strasse mit Leben füllen. Dabei wird eine eigene Karte geschrieben: Kilometer, Lachen und die Entdeckung neuer Horizonte – Pisa winkt schon am nächsten Bogen, ich werde im nächsten Blog darüber berichten.

2 thoughts on “Roma

  1. Eindrücklich, wie du mit wiederkehrenden Herausforderungen umgehst. Du scheinst die Gelassenheit und Lebensfreude der Italienischen Lebensweise bereits verinnerlicht zu haben
    Qui va piano, va sano e lontano!
    Weiterhin viele tolle Erlebnisse auf deiner Route Richtung Heimat
    Tua sorella Marion

Antworte auf den Kommentar von Carsten Miehling Antwort abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert