Das obligate Startfoto vor dem Duomo klappte halb, denn die bereits in Jahre gekommene Windjacke hätte im Vorfeld wohl definitiv noch eine Imprägnierung verdient gehabt. Dann ging’s eine gute Stunde durch den städtischen Dschungel, bis der Süden rief und die Felder mit Kanälen wie dünn gezogene Grashalme auftauchten. Von Mailand nach Lodi war es fordernd aber lohnend: erst Grossstadt-Übermut, dann eine friedliche, grün geprägte Ebene, auf der sich das Rad tatsächlich fast von alleine fortbewegte.
Ankunft in Lodi – der halbe Weg der ersten Etappe war geschafft, und die Bahn wartete schon wie ein mütterliches Geheimniskabinett: In einer halben Stunde brachte sie mich nach Piacenza. Die Ankunft dort war bombastisch: Eine Dreizimmer-Wohnung im Palazzo-Stil stand bereit, mein temporäres Eigenheim für die Nacht, und das noch zum Schnäppchenpreis von EUR 65. Kaum zu glauben, dass man in einem Palast auch als Wanderer einchecken darf, ohne das Portemonnaie zu verwüsten.
Beim ersten Spaziergang durch Piacenzas Kern entdeckte ich kompakte, gut erhaltene historische Bauten, enge Gassen und den nicht-zu-Verfehlen-Piazza Mercato. Piacenza ist berühmt für herzhafte Emilia-Küche. Und falls die Karte Pisarei e fasò – kleine Teigwaren mit Bohnen – aufdeckt, muss man sie testen. Ich tat es, und fühlte mich, als hätte ich gerade das Ei des Columbus gefunden.
Piacenza nach Parma war wie eine Fahrt durch eine gigantische Industrie-Metropole, die sich unauffällig in eine endlose Gerade verwandelt. Grosse Anlagen, Gewerbegebiete – und kaum Fahrradwege. Die Sonntagsstille war mein bester Begleiter, die Landstrasse schwach frequentiert, flach wie eine Tischplatte. In Parma angekommen, gab es als Pranzo die berühmte Mischung: ein Zielbier mit Zigarre in der Altstadt-Osteria, Paccheri Cacio e Pepe, Rotwein im Glas, und zum Update des Logbuchs ein Kaffee mit Grappa – die Welt schien, als es könnte sie im Moment nicht besser sein.
Parma, Parmesan, Parmaschinken – die Stadt kennt ihre Marken. Doch Parma hat mehr als nur Käse: Dom, Baptisterium, Palazzo – alles kompakt wie ein guter Antipasti-Teller. Ich flanierte gemütlich durch die Strassen und liess die Vibes der Stadt auf mich wirken. Als Aperitivo wählte ich Degustazione di Parmigiano Reggiano (30, 60 und 90 Monate alt), dazu Agnolini in Brodo und Brasato al vino rosso mit cremiger Polenta. Verdure gab’s auch, und als Dessert Coppa Fiordilatte bei der Eisbar um die Ecke.
In Bologna war die Unterkunft wieder ein Volltreffer: Ein Palazzo Cittadino im Zentrum, bewohnt von Treuhändern und Notaren, mit Albergo im vierten Stock. Dahin führte ein beeindruckender Antik-Lift, wo in der Schweiz wohl nicht mehr zugelassen wäre.
Das Zentrum von Bologna war beeindruckend: Türme, Arkadengänge fast 40 Kilometer lang, und eine Innenstadt, die sich in Fussgängerzonen, Plätze, Kirchen und Palästen auf enge Weise verbindet. Kulinarisch folgte Bologna dem parmesanischen Vorbild: Lasagne alla Bolognese oder wahlweise Spaghetti al Ragù alla Bolognese (geht auch mit Tagliatelle). Mortadella zog ebenfalls ein, am besten als Tramezzini zum Aperitivo, begleitet von einem Rosé Prosecco.
Von Bologna weiter nach Forlì war der Übergang sanft, aber spannend: Forlì war bis dahin eher ein unbekanntes Kapitel, doch die Nähe zur Adria liess die Luft gefühlt bereits nach Meer schmecken. Imola, auch bekannt aus der Formel 1 als „Der Grosse Preis von San Marino“, kam dabei in der Erinnerung wie ein alter Bekannter vorbei. Im Jahr 1994 kam hier der mehrfache Formel-1-Weltmeister Ayrton Senna bei einem Rennunfall ums Leben.
Nach dem hektischen Bologna-Outfit zog sich die Landschaft zurück, der Verkehr verschwand hinter mir, und die Strecke wurde ruhiger und ländlicher. Forlì präsentierte sich als überraschend schöne Stadt, stressfrei, mit einer Top-Unterkunft, die wenig kostete. Kulinarisch war die Vorfreude auf Fisch und Meeresfrüchte gross – der nächste Abschnitt versprach, was die Küste kann.
Die Etappe Forlì nach Rimini war ein Test der Leichtigkeit: 60 Kilometer, flach, Anfangsverkehr, am Ende eine reizende Runde am Lungomare entlang ins Zentrum von Rimini. Am Strand regierte noch Bauhektik, Renovierungen an jeder Ecke – doch der Moment, in dem Meer und Strand ins Blickfeld traten, war wie ein altes Blind-Einmaleins: Bluffer-Foto, und plötzlich fühlte sich alles leichter an.
Mittagspausen-Momente gab es genug: wie immer zwei Willkommens-Biere, eine Sieges-Zigarre nach dem ersten Sieg über die Müdigkeit, und eine Osteria, in der Strozzapreti alle Scoglio auf der Schiefertafel angepriesen wurde. Dazu Weisswein aus der Region, eine Portion Risikobereitschaft in der Luft – so riecht Genuss-Radeln. Und der Geschmack? Eine Mischung aus Meer, Meer, Meer – vom Meer geprägtes Glück, das man erst versteht, wenn man 60 Kilometer in den Beinen hat.
Fazit der ersten Etappe der Grand Tour: Grossstädte wie Milano, Parma und Bologna bieten viel: architektonisch, kulinarisch und eine ordentliche Portion Italianità. Dichtestress, besonders in Agglomerationen, gehört dazu, doch der Weg ans Meer zählt – und die Abwechslung macht das Ganze erst wirklich reizvoll. Ob Langeweile am Meer die nächste Etappe bestimmt? Wer weiss – Abenteuer liebt ja schliesslich die Überraschung.
