Saison April - November

Lesina
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Lesina
Der Wind kam von der See, salzig und frisch, als ich Rimini hinter mir liess und der Küste folgte, die sich wie ein endloses Band aus Beton, Sand und lauter Strandbudenkunst an mich anschmiegte. Die Route schien mir wie ein Bild, das sich von selbst malt: Fahrradwege, die sich zwischen pompösen Hotelfassaden, Stabilimenti und Möwen niederlassen, als hätten sie beschlossen, hier die perfekte Kulisse für den Sommer-Urlaub zu inszenieren.

Man blickt auf die endlosen Fassaden und fragt sich, ob Adriatrips heute noch zeitgemäss sind – wo doch Liegen- und Schirme-Preise eher wie kleine Schlachten in einer Preiskriegslandschaft daherkommen. Trotzdem wirkt alles wie eine Bühne der leichten Lebensfreude, und so suche ich mir in Fano, meinem nächsten Zwischenstop, die ideale Unterkunft für den Radwanderer.

Gesucht und gefunden: Ein Innenhof mit verschlossenem Tor, damit der Göppel nachts nicht abhaut, eine Wohnung mit Wohnzimmer, Küche, Bad und Schlafzimmer, dazu eine Kaffeemaschine, ein paar trockene Kekse und Wasser – die kleine Republik des Alltags. Frühstück? Wenn der Tag so richtig loslegt, brauche ich Morgens nur noch einen Cappuccino und ein Brioche in einer Pasticceria, um die nächste Wegstrecke in Angriff zu nehmen.

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In Fano setzte sich der Blick fort, als würden die Küstenabschnitte selbst Applaus geben. Die 50 Kilometer Richtung Ancona schienen mir der schönste Abschnitt zu sein, den die Marche bislang zu bieten hatte: Velowege, die investieren, und die Investition zahlt sich aus, weil man die Augen kaum noch vom Meer nehmen kann.

Ancona, eine Stadt, die mehr Durchgangsverkehr als Charme zu bieten scheint, liess mich kurz abschweifen – die Fähren-Pötte glitten vor meinen Augen wie stumme Zeugen einer Sehnsucht, Kroatien wiederzusehen, Hvar, wo ich als Kind unbeschwerte Ferien mit Eltern und Schwester verbracht hatte. Doch das Projekt TGT (The Grand Tour) hielt die Zügel fest in der Hand, und so wagte ich mich weiter.

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Kulinarisch gab es in Ancona eine kleine Offenbarung: Bucatini all’Amatriciana mit Rotwein, plus ein Dessertkorb aus Formaggi – eine Geschmackssünde, die sich wie eine Siegerehrung anfühlte, während die Küste weiter an mir vorbeizog. Ancona war mehr Durchgangsstation als Juwel, doch dieser Durchgang hatte seinen eigenen stillen Charme einer Hafenstadt.

Die Fortsetzung nach Pescara war eine Mischung aus Ruhepol und Meer-Rausch. Der Weg blieb der Küstenlinie treu, teils getrennt vom lauten Grossverkehr, teils wieder auf Landstrassen, doch am Wochenende deutlich freundlicher zu den Pedalierern. Das Wetter spielte mit: 17 Grad und Sonne, ideales Klima für Genuss-Radler. Die Strände wirkten naturbelassen, Schilf wie eine feine Linie statt der endlosen Reihen von Stabilimenti. Beim Blick zurück noch Schneekuppen entdeckt, selten gesehen in Kombination mit Strand.

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In Pescara suchte ich mir Ruhe, liess mich in einem Zimmer mit Meerblick im Esplanade für zwei Nächte nieder und gönnte mir aus meinem Zimmer den Blick aufs Wasser, während die Beine sich langsam von den Tagen der Tretarbeit erholten. Kulinarisch gab es Abruzzen pur: Arrosticini all’abruzzese, gegrillte Schaf-Fleisch-Spiesse, dazu Montepulciano Rosso; Taralli mit Prosciutto Crudo zum Aperitivo, und als Primo Mugnaia di Margherita – eine Pasta, die fast wie ein Kunstwerk wirkt, das eine Nonna in ihrer kleinen Küche erschaffen hat.

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Vasto empfing mich mit einer Markierung auf der Landkarte namens Via Verde della Costa dei Trabocchi. Eine fast perfekte Etappe, 42 Kilometer von 68 auf einer umgebauten Bahntrasse, top Asphalt, keine Bling-Bling-Buden mehr, nur noch Meer links, Schilf rechts. Man kann wirklich den Duft des Meeres riechen, und in solchen Momenten scheint das Fahrrad fast von selbst zu rollen.

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Vasto zeigt sich zweigeteilt: Oben die Stadt mit Piazza, Kirchen und Behörden, unten am Meer der Hafen mit Lidos, die eine stille Gelassenheit versprechen. In der Unterkunft im oberen Teil fehlte mir nach den Strapazen des Tages die Energie für ein Restaurant. Im Tigre-Markt nebenan Pane, Prosciutto, Formaggio und eine Flasche Wein organisiert und vor italienischem TV in der Unterkunft weggeputzt.

Der Weg am nächsten Tag wurde leichter, als ich nach Campomarino fuhr. Immer wieder das Meer, das einen sanft begleitet, bis man die Tür einer offenen Bar findet, in der ein grosses Bier und ein Panino mit Mozzarella auf den Mundwinkel wirkt wie eine kleine Belohnung. Danach zwei Gläser Weisser, ein paar Gespräche mit Einheimischen, und der Abend schleicht sich gemütlich heran. So meinte ich in dem Moment zumindest, denn der Abend verlief äusserst trostlos, da in Campomarino die totale „Pantalone Morta“ zu dieser Jahreszeit vorherrschte.

Lesina schliesslich – das nördliche Tor zum Gargano Nationalpark – war der Abschluss dieses Teils der Grand Tour, eine kleine Lagune, einer der grössten des Mittelmeeres, in der Aale eine fast zeremonielle Rolle spielen. Der Weg dorthin zog schmal am Pannenstreifen der SS (Strada Statale) entlang, doch der Blick von oben auf die Lagune entschädigte jeden Wackler der Reifen, nach dem Vorbeibrausen der LKWs.

Der Aal hat hier zwei Seiten: L’anguilla preparata alla Bisentina – Stücke in Tomaten-Gemüse-Knoblauch-Chili-Sauce – oder Anguilla fritta. Die Bisentina-Variante muss man ausserhalb der Saison vorbestellen; ich bin bei der frittierten, respektive grillierten Variante geblieben. Was soll ich sagen: Hätte ich es nicht bestellt, wäre mir etwas entgangen. Mit einem Weisswein aus Puglia – ein echter Genuss.

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Fazit der zweiten Etappe der Grand Tour: Die Marinas wirken zu dieser Jahreszeit fast ausgestorben, daher empfiehlt es sich, grössere Städte anzusteuern, um die Nacht nicht hungrig zu verbringen. Bari – das nächste grosse Ziel – schimmert am Ende des Kapitels, erinnert an frühere Einträge vom November 2024 im Blog, als man noch den Frecciarossa für den Workation-Ausflug bevorzugte; diesmal wartet die Reise mit dem eigenen Rad auf neue Geschichten.

2 thoughts on “Lesina

  1. Was für ein Fest deinen Reisebericht zu lesen!
    Man fühlt sich gerade auch ein bisschen in Italien .
    Ich wünnsche dir weiterhin viel Beinkraft und immer wieder tolle Erlebnisse und kulinarische Höhenflüge
    Un abrazzo fuerte tua sorella ❤️

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