Die erste Etappe führt uns über Gravellona Toce nach Omegna, wo wir dem idyllischen Radweg entlang des Lago d’Orta folgen, sodass man für ein paar Kilometer fast vergisst, dass man in Italien eigentlich nur mit ausreichend Energie für die nächste Mahlzeit ein „gleichmässig fahrendes“ System betreiben kann. Zur Mittagspause also in Orta San Giulio, pittoresk, direkt gegenüber der Koster-Insel, die Sorte von Osteria angesteuert, in der Tagliere Salumi e Formaggi nicht nur im „Angebot“, sondern das Pflichtprogramm sind.
Nach dem Pranzo geht’s weiter ins Provinzstädtchen Borgamanero, ruhig gelegen und perfekt zum Durchatmen nach der ersten Etappe, während abends eine Trattoria wartet, die „einfach, solid und gut“ ist und in der dann eine Bocciata (Käseplatte mit zehn Sorten) serviert wird, gefolgt von Tagliatelle alla Bolognese und Risotto al Verde e Lumache, begleitet von einer Flasche Barbera d’Asti „Camp du Rouss“, als wäre das der normale Hydrauliköl-Ersatz für Radfahrer.
Am nächsten Morgen zur zweiten Etappe: Start schwierig, weil das Navi uns die ersten drei bis vier Kilometer über die SS (Strade Statali), schickt, jene Kategorie, die für Radfahrer offenbar als Mutprobe gedacht ist. Lastwagen rauschen vorbei mit maximalem Abstand von gefühlt 30 cm. Zum Glück wechselt es dann auf die gemütlichere SP-Route (Strade Provinciale) nach Santhià, wo wir gegen Mittag ankommen, und das Streckenhighlight übernimmt: Gattinara, ein Weinstädtchen bekannt für hochwertige Nebbiolo-Rotweine DOCG.
Nach dem Einchecken im Golf-Hotel geht’s am Abend ins Steak House. Warum auch nicht? Morgen wird in Torino dann gross aufgefahren, also spart man nicht, man delegiert nur die Verdauung in die Zukunft. Und diese Zukunft trifft uns beim letzten Teil ziemlich nass: Regen setzt ein, wir kommen im Ziel an und müssen als Erstes - ganz konsequent wie ein erfahrener Radler - die Klamotten wechseln, bevor wir überhaupt an Pranzo denken.
Turin dagegen kann Regen: Dank der vielen Arkaden, den Gallerie Commerciali, lässt sich die Stadt auch bei Schlechtwetter wunderbar shoppen und schlendern und in den traditionellen Cafés darf natürlich das Bicerin nicht fehlen, dieser Espresso-Kakao-Vollmilch-Zauber, der selbst Wolken zum Aufgeben bringt.
Abends landen wir in der Piemontesischen Trattoria DUME in der Galleria Umberto, wo das Risotto al Castelmagno das Herz gewinnt und die Salsiccia Cruda di Bra e Nocciole den Beweis liefert, dass im Piemont Risotto anscheinend eine eigene Religion ist. Danach noch ein Absacker mit Live-Musik im Innenhof gegenüber, und dann nähert sich die Tour ihrem Ende.
Zurück nach Domo geht’s schliesslich mit dem Zug über Novara, ohne Gegenwind, ohne Lastwagen-Schatten, nur müde Beine und der klare Eindruck: Domo–Turin ist ein schöner Genuss-Radler-Klassiker, weitgehend flach, ideal als Grundlage, um in Turin noch eine oder zwei Nächte dranzuhängen. Persönlich finde ich Turin sogar interessanter und schöner als Mailand, weil hier Essen und Trinken im Piemont einfach immer tiptop sind.
